Meine erste Begegnung mit Mongolen erfoglte an einem kalten November-Tag des Jahres 1928. An jenem Vormittag schlenderte ich durch die engen Marktgassen der turkestanischen Handelsstadt Kaschgar, um schliesslich vor dem Kaufladen meines Freundes Abdul Rahim stehenzubleiben, wo sechs Männer in weinroten Gewändern, mit dunkelbraunen, sonnverbrannten Gesichtichern, witzigen Augen und kleinen, pelzverbrämten Käppchen die ausgelegen Waren betrachteten...

Aufmekrsam betrachtete ich die fremden Besucher des Marktviertels, das um diese Stunde meinstens noch menschenleer war.

- "Dein Tag fängt gut an, sechs Käufer schon am frühen Morgen", begann ich die Unterhaltung.
- "...Diese Fremden kaufen jedoch nichts, sie sehen nur die Waren an, wollen alles in die Finger nehmen, und sobald ihre Neugierde befriedigt ist, gehen sie wieder weiter.
- "Fremdlinge sind es wahrhaftig", warf ich ein.
- "Ihre Heimat muss fern von unserem schönen Kaschgar liegen. Noch nie sah ich diesen Menschenschlag. Ich bin wirklich noch ein Unwissender".
- "Du brauchst dich deiner Unkenntniss nicht zu schämen" entgegnete Abdul Rahim,
- "sie kommen selten zu uns. Es sind Mongolen, die jenseits der Gobi leben."
Er fullte meine Tasse und fragte den Mann, der etwas Turkisch sprach:
- "Wie weit seid ihr gereist?"
- "Achttausend Li - vielleicht auch zehntausend - ich habe sie nicht gezählt."
- "Und wie sieht deine Heimat aus?" erkundigte er sich.
- "Wie Türkistan - wie Kaschgar?" ermunterte ich ihn, als er mit seiner Antwort zögerte.
- "Ganz anders"
- "Na, wie denn - erzähle!"
- "Keine Häuser - keine engen Gassen - alles eine schöne, grosse Weide mit Herden von Pferden, Kamelen, Schafen!"
- "Schöner als Türkestan?"
- "O ja, tausendmal schöner, das schönste Land, das es auf dieser Welt gibt"
- "Und wer ist Euer König, Euer Herrscher?"
- "Dschingis-Bogdo-Khan!" antwortete er ohne Zögern.

Eine neue Welt erstand plötzlich vor meinen Augen. Ich versuchte mir diesen schönsten Fleck der Erde vorzustellen.
Grosse Weiden mit Kamel- und Pferdeherden, keine Häuser, keine Gassen! Dschingis-Bogdo-Khan ihr König, Dschingis- Khan, der seit nahezu siebenhundert Jahren tot ist. So sahen also die Nachkommen des Mannes aus, dessen Horden einst bis nach Europa vordrangen und alles hinmordeten, was ihnen in den Weg trat.
- "Ich werde Euch besuchen", sagte ich nach einer Weile.

Der Mongole übersetzte erst meine Worte seinen Kameraden, dann erwiderte er:
- "Der Weg ist weit und mühsam. Du musst viele Tage lang auf dem Kamel durch die Wüste reiten, wo es kein Wasser, keine Schafherden und keine Pferdemilch gibt."
- "Und wenn ich die Hitze, die Kälte, den Hunger und Durst überstehe - was dann?"

Seine Augen leuchteten auf. Stolz, zufrieden antwortete er:
- "Dann kommst Du auf die herrlichsten grünen Weiden. Du wirst all das sehen, was ich dir schon erzählte. Nie wirst Du zurückkehren wollen in diese Welt der festen Häuser. "

Quelle: Walter Bosshard, Kühles Grasland Mongolei, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, 1950, S. 15.
 

 
 

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